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Frostig-Therapie:
Fallbeispiele
Diagnostik und Therapieverlauf in der Langzeit-Beobachtung
mit Kinderzeichnungen
Zwei Fallbeispiele
mit Kinderzeichnungen werden in der Langzeit-Beobachtung als Leseproben
aus Publikationen der Eignerin dieser Website vorgestellt (Fallbeispiel
Michael und Fallbeispiel
Monika).
Damit soll der Einsatz der Frostig-Therapie als ein ganzheitlich orientierter
Therapieansatz zur Behandlung von Kindern mit Entwicklungsstörungen
(umschriebene Lese- und Rechtschreibstörung mit fein- und graphomotorischen
Störungen bei Michael, umschriebene kombinierte Entwicklungsstörung,
leichte zerebrale Bewegungsstörung mit Wahrnehmungs-, Lern- und Verhaltensstörungen
bei Monika) beschrieben und über die Interpretationen ihrer Zeichnungen
im Langzeit-Therapieverlauf demonstriert werden.
Fallbeispiel Michael
Das
neue Fallbeispiel Michael demonstriert als Leseprobe
der Neuerscheinung von Dr. phil. Dipl.-Psych. Christa Seidel "Leitlinien
zur Interpretation der Kinderzeichung" (2007):
"Die Behandlung Michaels nach dem Frostig-Konzept (Lese- und Rechtschreibstörung)"
mit Interpretationen seiner Zeichnungen nach den neu erarbeiteten Leitlinien
der Autorin. In den "Langzeit-Beobachtungen einer betroffenen Mutter"
berichtet Michaels Mutter über den Entwicklungsverlauf und die umschriebenen
Entwicklungsstörungen (Lese- und Rechtschreibstörung, fein-
und graphomotorische Störungen) ihres inzwischen erwachsenen Sohnes.
Er hat sich durch die vielen schulischen Probleme nicht entmutigen lassen
sondern mit großem persönlichen Einsatz nach Absolvierung des
Realschulabschlusses das Abitur bestanden und jetzt mit seinem Studium
der Sozialpädagogik begonnen. Seine Mutter weist anschaulich auf
die Stärken (Ressourcen) aber auch auf die Entwicklungsprobleme Michaels
und die sich daraus eingestellten schulischen und familiären Schwierigkeiten
hin und zeigt ermutigende Wege ihrer Überwindung.
Betrachten
Sie hier die Leseprobe zum Fallbeispiel Michael im PDF-Format
Auszug aus Kapitel
7 der Neuveröffentlichung des Buches von Christa Seidel (2007):
"Leitlinien zur Interpretation der Kinderzeichnung. Praxisorientierte
Anwendung in Diagnostik, Beratung, Förderung und Therapie. Journal
Verlag, A-Lienz, ISBN-Nr.: 978-3-902128-30-0. Kap. 7.5, Seite 649-673
Bitte beachten Sie die Bestimmungen des Copyrights der folgenden Buchveröffentlichung,
die sowohl im Impressum des Buches von Christa Seidel (2007) "Leitlinien
zur Interpretation der Kinderzeichnung. Praxisbezogenen Anwendung in Diagnostik,
Beratung, Förderung und Therapie" wie auch im Impressum dieser
Website nachzulesen sind.
Fallbeispiel Monika
entnommen aus dem Buchbeitrag von:
Christa Seidel: "Diagnose und Therapie von visuellen
Perzeptionsstörungen",
Kap. III, S.85-98; in: Marianne Frostig und H. Müller, Hrsg. (1981),
Teilleistungsstörungen, Ihre Erkennung und Behandlung bei Kindern.
München; Wien; Baltimore; Urban und Schwarzenberg.
©
Dr. Christa Seidel, Starnberg
Bitte
beachten Sie die Copyright-Bestimmungen dieser Buchveröffentlichung
im Impressum
Das
Fallbeispiel Monika zeigt die Langzeit-Beobachtung und Frostig-Therapie
eines 4;1-7;6 jährigen Mädchens mit leichter zerebraler Bewegungsstörung,
Wahrnehmungs- Lern- und Verhaltensstörungen. Es werden die Ergebnisse
einer Nachbefragung Monikas im Erwachsenenalter vorgestellt und diskutiert
auch unter dem Aspekt der Problematik der Rehabilitation von Kindern mit
Wahrnehmungs- und Lernstörungen und der verbleibenden Restsymptomatik
dieser Störungen im Erwachsenenalter sowie der Anwendung
der Frostig-Therapie aus heutiger Sicht.
Erklärung zur Schreibweise: Alter 7;4 Jahre bedeutet 7 Jahre und 4 Monate
Vorgeschichte:
Monika, das 4;1 jährige Mädchen, wurde mit der Diagnose einer "leichten
frühkindlichen Hirnschädigung", Zustand nach Frühgeburt und Atemnotsyndrom
infolge Aspiration, leichte Form einer zerebralen Bewegungsstörung, vom
Kinderarzt zur psychodiagnostischen Untersuchung und ggf. therapeutischen
Betreuung überwiesen. Die isolierte zerebrale Bewegungsstörung vom spastisch-diplegischen
Typ mit leichter Beteiligung der Arme war erst im Lebensalter von 2 Jahren
erkannt und darauffolgend bis zum Lebensalter von 4 Jahren durch krankengymnastische
Maßnahmen behandelt worden. Das Kind saß erst mit 1 ½ Jahren frei, lief
erst mit 20 Monaten. Die Sprachentwicklung war von Anfang an verzögert
(erste Worte mit 1 ½ Jahren, mit 3 Jahren nur kurze, kaum strukturierte
Sätze, deutliche Reduzierung des Wortschatzes und des Sprachverständnisses).
Auch die Sauberkeitsgewöhnung verlief zögernd. Das Mädchen hat keine Geschwister,
steht seit Geburt im Mittelpunkt der elterlichen Fürsorge und wurde als
Einzelkind z.T. sehr verwöhnt, z.T. im Hinblick auf ihre geistige Leistungsfähigkeit
überfordert. Die Eltern haben die spezielle Problematik des Kindes lange
Zeit nicht erkennen und akzeptieren können. Die Familienverhältnisse sind
geordnet. Das Mädchen besucht seit dem 4. Lebensjahr einen normalen Kindergarten.
Ihr Verhalten in Beziehung zu Erwachsenen und zu Kindern wird als sehr
eigenwillig, sensibel, ängstlich bezeichnet, mit großen Schwierigkeiten,
sich in einer Gruppe anzupassen. Das kindliche Verhalten im freien Spiel
und im Umgang mit didaktischem Spielmaterial wird von den Eltern als wenig
phantasievoll beschrieben, mit geringer Ausdauer, ohne Ansätze zum gegenständlichen
Zeichnen oder zum konstruktiven Bauen.
Die psychodiagnostische Untersuchung konnte viele Beobachtungen der Eltern
bestätigen.
Es zeigte sich, kurz zusammengefasst, ein ausgesprochen auffälliges Verhalten
mit extremer Ängstlichkeit, Muttergebundenheit, Sprechscheu und Trotzreaktionen.
Besonders auffällig waren die Sprachverständnisstörungen. Das Mädchen
antwortete oft in der Echosprache. Es bedurfte mehrerer Ansätze, bis sie
auf eine Frage adäquat antworten konnte. Noch auffälliger waren Grob-
und Feinmotorik gestört sowie die visuelle Perzeption in allen Bereichen.
Auch im Bereich der auditiven Perzeption gab es große Rückstände. Eine
Intelligenztestung mit Hilfe des Kramer-Tests erbrachte einen Intelligenzquotienten
von 60 (Normalbereich: 90-109). Reguläre visuell-perzeptive Tests oder
nicht-verbale Intelligenztests mit ihrem großen Anteil von perzeptiven
Aufgaben konnten nicht durch durchgeführt werden. Das Kind verweigerte
demonstrativ die Mitarbeit. Es zeigte sich bereits ein Störungsbewusstsein
in diesem Bereich mit deutlichen Abwehrreaktionen. Ein Screening-Verfahren
deutete auf einen Entwicklungsstand der visuellen Perzeption von 2 ½ bis
3 Jahren hin. Das Mädchen konnte in der Spontanzeichnung nur Kreiskritzel
zeichnen (vgl. Abb.2). Das Abzeichnen eines Kreuzes oder geometrischer
Formen war nicht möglich. Das Einsetzen von einfachsten Puzzleteilen brachte
größte Schwierigkeiten. Die Mengenerfassung war auffallend reduziert:
Nur die Menge 1 wurde simultan und sukzessiv erfasst. Ansätze zum konstruktiven
Bauen zeigten sich nicht. Im Sceno-Test wurde das Spielmaterial ungeordnet
auf das Brett gelegt, es ergaben sich keine Ansätze für ein Rollenspiel.
Die Untersuchungsmöglichkeiten des emotionalen Bereichs waren sehr begrenzt
und reduzierten sich auf die Verhaltensbeobachtung im Spiel und auf die
Exploration der Eltern.
Abbildung 2 Monika im Alter von 4;1 Jahren:
Diagnose einer leichten zerebralen Bewegungsstörung, psychoorganisches Syndrom. Alter 4;1 Jahre vor Einsetzen der Frostig-Therapie: als Spontanzeichnung Kreiskritzel; Abzeichnen eines Kreuzes oder anderer Figuren nicht möglich. Entwicklungsalter der visuellen Perzeption. Nach Screening Verfahren 2 ½ bis 3 Jahre; visuell perzeptive Tests zu diesem Zeitpunkt nicht durchführbar.
In dem ersten Elterngespräch wurde den Eltern vorsichtig mitgeteilt, dass das Kind auffällige sprachliche, perzeptive und geistige Entwicklungsstörungen zeige, die dringend, zusätzlich zu der bereits seit 2 Jahren durchgeführten Krankengymnastik, behandelt werden müssten. Es wurde gleichzeitig betont, dass man dem Kind durch den Einsatz spezieller Therapiemaßnahmen wahrscheinlich entscheidend helfen könne. Inwieweit es seine Störungen allerdings kompensieren würde, könne nicht vorausgesagt werden, hänge aber u.a. entscheidend von der Mitarbeit der Eltern ab. Darauffolgend wurde das Mädchen zur Behandlung der vorliegenden Perzeptionsstörungen nach der Frostig-Methode in eine kleine Gruppe (4 Kinder) übernommen. Die krankengymnastische Behandlung wurde parallel dazu fortgesetzt.
Die Patientin fand nach kurzen Anfangsschwierigkeiten Kontakt zu einem anderen Mädchen in der Gruppe. Diese Beziehung gab ihr zunehmend Halt und erleichterte insgesamt die Anpassung an die Gruppensituation. Sie war in der Gruppe während der gesamten Behandlungsdauer eher zurückhaltend, wurde aber von den anderen Kindern akzeptiert. Die Gruppe blieb während des ersten Behandlungsjahres konstant und setzte sich zusammen aus sprachentwicklungsgestörten Kindern mit leichter oder ohne Körperbehinderung, mit schweren visuellen Perzeptionsstörungen und unterschiedlichem Gesamt-Intelligenzniveau. Das Entwicklungsalter der visuellen Perzeption lag bei allen 4 Kindern zu Beginn der Behandlung etwa auf gleichem Niveau, das Lebensalter der Gruppenmitglieder lag zwischen 4 und 6 Jahren. Die Gruppenmitglieder wechselten im Verlauf der Langzeitbehandlung, die Anzahl der Gruppenmitglieder betrug jeweils 2 oder 4 Kinder. Es gelang dem Mädchen jedoch während der gesamten Behandlungszeit, Kontakt zu einem anderen Kind in der Gruppe zu finden und sich in der Gruppensituation besser anzupassen und durchzusetzen.
Der Schwerpunkt der Frostig-Therapie konzentrierte sich auf eine Förderung der motorischen, sprachlichen, perzeptiven, geistigen und emotionalen Entwicklung. Der Elternarbeit und Erziehungsberatung kam von Beginn der Therapie an eine vorrangige Bedeutung zu. Die Eltern waren sehr kooperativ und führten die empfohlenen häuslichen Übungen mit viel Geduld und Geschick durch. Ihrer Neigung zur Überforderung des Kindes musste immer wieder mit Hilfe intensiver Gespräche und Beratung entgegengewirkt werden. Das Mädchen wurde zuerst wöchentlich in der Kleingruppe behandelt, später alle 14 Tage bis 3 Wochen, im 3. Behandlungsjahr wieder wöchentlich mit Ausnahme der Zeit der Schulferien.
Die Behandlungszeit betrug zunächst 30 Minuten, wurde bald auf 45 Minuten erhöht. Es schloss sich die Elternberatung und Erklärung der empfohlenen häuslichen Übungen unmittelbar an. Die Zusammenstellung der Therapiezeit und Aufgliederung in Therapieeinheiten errechnete sich jeweils aus der Behandlungszeit des Kindes und der anschließenden Beratung der Eltern. Die Behandlungszeit betrug insgesamt 157 Therapieeinheiten (eine Therapieeinheit beträgt nach der Definition der GOÄ 45 min.), verteilt auf eine Gesamtbehandlungsdauer von insgesamt 3 Jahren.
Kurze Zusammenfassung des Therapieverlaufs: Die Therapie ging aus von Körperbewusstseins-, Körperbegriffs- Körperschemaübungen (vgl. S. 82-83). Bewegungsübungen wurden innerhalb jeder Therapieeinheit durchgeführt. Sie lockerten die Kinder auf, brachten bald ein Zusammengehörigkeitsgefühl in die Gruppe und intensivierten die Bemühungen zur Förderung der visuellen Perzeption. In den ersten Therapiestunden wurden verschiedenartige feinmotorische Übungen durchgeführt (vgl. S. 78-79), sowie bald Wahrnehmungskonstanzübungen (taktile Materialerfahrung, Übungen der Farbnamen, Größenbezeichnungen und der Namen für verschiedene Formen, Sortieren von Gegenständen, Materialien, Farben, Größen und Formen; (vgl. S. 80-81).
Die Schulung der Mengenerfassung wurde von Anfang an intensiv betrieben, auch unter Einbeziehung von speziellen auditiven Perzeptionsübungen (z.B. Heraushören von Mengen) in Verbindung mit Bewegungsübungen (z.B. spezielle Hüpf- und Ballspiele). Die Übungen in diesem Bereich zeigten jedoch wegen der vorliegenden zentralen Rechenschwäche im Vergleich zu den anderen Übungen die langsamsten Fortschritte. Die Konzentration des Kindes bei der Durchführung der Übungen und das Leistungsniveau waren sehr schwankend, oft wurde die Mitarbeit vorübergehend verweigert. Das Mädchen brauchte viel Lob und Ermutigung vonseiten des Therapeuten und der Eltern. Auffallend waren bei vielen Handlungsabläufen die Neigung zur Perseveration und das ausgesprochen langsame Arbeitstempo.
Die ersten Fortschritte zeigten sich im Bereich der Sprachentwicklung. Das Sprachverständnis und der Wortschatz nahmen sprunghaft zu. Das Mädchen entdeckte bald die Sprache als Kommunikationsmöglichkeit. Mit Hilfe des Verbalisierens konnte bei der Kompensation perzeptiver Schwierigkeiten deutlich geholfen werden. In den ersten 4 Monaten der Therapie wurden nur Vorübungen in allen 5 Bereichen durchgeführt, im 5. Therapiemonat wurde zusätzlich langsam mit den Arbeitsblättern des ersten Frostig-Übungsheftes begonnen. Nach 6 Monaten Behandlungsdauer lag z.B. die Mengenerfassung bei 2 Jahren (Lebensalter: 4;9), noch keine Ansätze zum konstruktiven Bauen waren zu erkennen. Aber nach dem 7. Behandlungsmonat machten sich erste Fortschritte des zeichnerischen Gestaltens bemerkbar (vgl. Abb.3). Das Kind versuchte ein Haus zu zeichnen (ungegliederte, dreieckige Form) mit einer Andeutung von Fenster und Schornstein. Das Bild zeigt deutlich eine Orientierung von oben und unten (unten eine Andeutung von "Wiese"). Auf die Förderung der räumlichen Orientierung und der Einübung räumlich orientierter Begriffe war in der Therapie von Anfang an viel Wert gelegt worden. Es zeigten sich nun gleichzeitig erste Ansätze des konstruktiven Bauens.
Abbildung 3 Monika im Alter von 4;8 Jahren:
erster Zeichenversuch nach dem 7. Behandlungsmonat; die hervorstechendsten Charakteristika dieser Kinderzeichnung sind die noch völlig ungegliederte, dreieckige Form des Hauses sowie eine Andeutung von Fenster, Schornstein, Rauch und Wiese; diese vier zuletzt genannten andeutungsweise ausgeführten Bildelemente lassen bereits auf den Versuch einer Orientierung im zweidimensionalen Raum - oben und unten - schließen.
In Zusammenhang mit den ersten Therapieerfolgen beobachteten die Eltern, dass sich das Verhalten des Kindes zu Hause stabilisierte. Das Kind war weniger trotzig, wurde selbständiger und zeigte bereits erste Ansätze im Rollenspiel mit Puppen. Auf feinmotorische Vorübungen (Kneten, Hämmern, Einfädeln etc.) wurde weiterhin neben den anderen Übungen viel Wert gelegt. Durch freies Kneten, Legen mit Stäben in verschiedenen Größen oder Bauen mit verschiedenartigen Bausteinen wurde versucht, die Vorstellung des Kindes von Gegenständen zu entwickeln, als eine Voraussetzung zum Aufbau der gegenständlichen Zeichnung. Nach 9 Monaten Therapie brachte das Mädchen zum ersten Mal außer dem "Haus" Versuche, andere Gegenstände ("Maus und Baum") darzustellen (vgl. Abb. 4). Hirngeschädigte Kinder ohne Therapie perseverieren im Gegensatz zu diesem ersten Behandlungserfolg in ihrer gegenständlichen Zeichnung oft über Monate auf einem Thema.
Abbildung 4 Monika im Alter von 4;10 Jahren nach 9 Monaten Frostig-Therapie:
Erweiterung der gegenständlichen Zeichnung durch den Versuch der Darstellung neuer Inhalte ("Maus und Baum").
Nach 10 Monaten Therapie versuchte das Mädchen bereits eine differenzierte Hausdarstellung (vgl. Abb. 5). Das Haus bestand jetzt schon aus einem quadratischen Bau mit dreieckigem Dach, Schornstein mit Rauch, Fenster und Haustüre. Zur gleichen Zeit fielen die Konzentrationsschwäche und das schwankende Leistungsniveau immer noch auf, die Mitarbeit wurde jedoch langsam ausdauernder. Es zeigten sich z.B. immer noch große Schwierigkeiten bei der akustischen Differenzierung (Gegenstand oder Bild und entsprechendes Geräusch konnten noch schwer zugeordnet werden).
Abbildung 5 Monika im Alter von 4;11 Jahren nach 10 Monaten Frostig-Therapie:
Erste Differenzierung in der "Haus"-Darstellung mit bereits quadratischem Bau, dreieckigem Dach, Detaildarstellung von "Schornstein, Rauch, Fenster und Haustür"; Versuch der Orientierung im zweidimensionalen Raum durch die Darstellung der "Wiese" (unten) und einer Andeutung von "Himmel" (oben).
Nach 15 Monaten Therapie hatte das Kind einen Mengenbegriff von 3 bis 4 Jahren (Lebensalter: 5;8). Die gegenständliche Zeichnung war ausdrucksvoller geworden, mit einer deutlich stabilisierten visuo-motorischen Koordination (vgl. Abb. 6). Nach 17 Monaten Therapie gelang die erste altersentsprechend gegliederte Mannzeichnung (Kopf, Rumpf, Arme, Beine, Auge, Nase, Mund, Hut, Knöpfe), (s. Abb. 7), die im Zusammenhang mit einer gegenständlichen Zeichnung von mehreren Inhalten (Baum, Haus, Weg vor dem Haus, Wiese, Versuch von Blumen, Sonne und Himmel) (s. Abb. 7) dargestellt ist. Nun erschien es zum ersten Mal sinnvoll, den Frostig-Test durchzuführen. Das Kind machte gerne mit und hatte keine Angst mehr vor visuell-perzeptiven Aufgaben.
Abbildung 6 Monika im Alter von 5;4 Jahren nach 15 Monaten Frostig-Therapie:
Größere Differenziertheit und mehr Ausdrucksgehalt in der gegenständlichen Zeichnung; auffällige Stabilisierung der visuo-motorischen Koordination und der Orientierung im zweidimensionalen Raum.
Abbildung 7 Monika im Alter von 5;6 Jahren nach 17 Monaten Frostig-Therapie:
Gegenständliche Zeichnung mit mehreren Inhalten ("Baum, Haus, Weg vor dem Haus, Wiese, Versuch von Blumen, Sonne und Himmel") und im Zusammenhang mit den anderen Inhalten dargestellt, erste und bereits altersentsprechend gegliederte "Mann"-Zeichnung: Kopf mit Augen, Nase, Mund, Rumpf, Arme mit Fingern, Beine, Hut, Knöpfe).
Der Frostig-Test erbrachte ein insgesamt gesehen deutlich reduziertes Ergebnis (nach der deutschen Standardisierung: Gesamt-Prozentrang 3; nach der amerikanischen Standardisierung: Wahrnehmungsquotient 78). Erfreulich war allerdings, dass das Wahrnehmungsprofil entgegen den Beobachtungen an vielen nicht speziell mit der Wahrnehmungstherapie behandelten hirngeschädigten Kindern relativ homogen war. Die Leistungen lagen im Bereich von Prozentrang 4 (Wahrnehmung räumlicher Beziehungen) bis Prozentrang 17 (Figur-Grund-Wahrnehmung). In den Bereichen der visuo-motorischen Koordination, Figur-Grund-Wahrnehmung und Wahrnehmungskonstanz zeigte das Mädchen nun die besten Leistungen. Die Wahrnehmung räumlicher Beziehungen war am stärksten reduziert(hier ergibt sich ein Zusammenhang zu der zentralen Rechenschwäche des Kindes; (vgl. S. 58). Nach der amerikanischen Standardisierung lagen die Entwicklungsalter der einzelnen Untertests nun alle zwischen 4;9 Jahren (VM) und 4;0 Jahren (RB) bei einem Lebensalter von 5;9 Jahren.
Inzwischen hat das Mädchen viele Vorübungen der Frostig-Therapie durchgeführt, die Arbeitsblätter des ersten Heftes waren alle mit vielfachen Wiederholungen auf Folie, auf Transparentpapier und auf den Bogen selbst durchgeführt worden.
Als das Kind 6 Jahre alt war, konzentrierte sich die Therapie langsam auf die Vorbereitung zur Einschulung, die um ein Jahr verzögert erfolgen sollte. Wegen der noch auffälligen perzeptiven Störungen und Verhaltensstörung war das Kind ein Jahr von der Einschulung zurückgestellt worden. Es war zu diesem Zeitpunkt noch unklar, in welche Schule das Kind integriert werden sollte. Allmählich konnte man eine deutliche Steigerung vieler perzeptiver und geistiger Fähigkeiten des Kindes feststellen. Diese Steigerung wirkte sich auch in der häuslichen Umgebung durch eine größere Stabilisierung des Verhaltens aus.
Nach 2 Jahren Therapie wurde eine Kontrolluntersuchung mit dem Kramer-Test durchgeführt. Das Mädchen erreichte im Lebensalter von 6;4 Jahren einen IQ von 95, also insgesamt gesehen eine durchschnittliche Intelligenz. Vor Einsetzen der Therapie hatte das Kind im gleichen Test nur einen IQ von 60 erreicht. Das Leistungsprofil war allerdings noch unausgeglichen, es zeigten sich im Kramer-Test, aber auch in anderen visuell-perzeptiven Tests deutliche Störungen der visuellen Wahrnehmung. Die Satzprobe nach Kern zeigte z.B. noch Schreibkritzel, aber erste Ansätze der Nachgestaltung eines Schriftbildes wurden deutlich (s. Abb.8). Die Mengengestalt des Kern-Grundleistungstests konnte noch nicht reproduziert werden. Der Mengenbegriff lag erst bei der Menge 3 bis 4. Der Bender-Gestalttest ergab noch deutliche Hinweise auf feinmotorische und visuell-perzeptive Störungen.
Abbildung 8 Monika im Alter von 6;4 Jahren nach 2 Jahren Frostig-Therapie:
In der Satzprobe des Grundleistungstests von A.Kern zeigen sich erste Ansätze zur Nachgestaltung eines Schriftbildes (Entwicklungsalter 5 bis 5;6 Jahre). Siehe Fallbeispiel Seite 92.
In der Therapie wurde nun mit gezielten Schreibvorübungen begonnen. Die Augenkoordination zur Vorbereitung auf die Einhaltung der Leserichtung (von links nach rechts) sowie die räumlich orientierten Begriffe rechts, links, oben, unten wurden im Raum, an der Tafel und auf dem Papier geübt. Auf Übungen zur Schulung der akustischen Diskriminierung wurde viel Wert gelegt, jetzt auch z.B. auf das Heraushören von Anfangsbuchstaben bestimmter Worte. Besondere Beachtung fanden Übungen zur Transformation von visuellen in akustische, taktilen in visuelle u.a. Modalitäten. Der gleichzeitige Gebrauch von Sinneskanälen fiel dem Kind besonders schwer (vgl. S. 72). Es konnte z.B. auch noch nicht ein Bohnensäckchen werfen und gleichzeitig ein bestimmtes Wort sagen. Viele Übungen waren in diesem Bereich notwendig. Das Mädchen konnte im Lebensalter von 6;5 Jahren bis 5 zählen, simultan erkannte es die Mengen 3 bis 4. Auffallend waren nun bereits gute Ansätze zum Rollenspiel, besonders mit Puppen, sowie größere Ausdauer und mehr Phantasie im freien Spiel, viel Freude am Malen, Zeichnen, Basteln und Kneten mit zunehmender Steigerung der Ausdrucksmöglichkeiten. Die Schreibvorübungen mussten langsam und mit viel Verbalisierung und Gebrauch von Hilfslinien aufgebaut werden. Im Lebensalter von 6;10 Jahren gelangen dem Kind die Schreibvorübungen bereits erstaunlich gut. (s. Abb.9).
Abbildung 9 Monika im Alter von 6;10 Jahren nach 2 ½ Jahren Frostig-Therapie:
Gute Fortschritte der Schreibvorübungen als Vorbereitung für die Einschulung.
Bei der nun anstehenden Frage der Einschulung wurde wegen der vorliegenden zerebralen Bewegungsstörung und den weiterhin perzeptiven Störungen eine Sondereinrichtung vorgeschlagen. Bei einer erneuten und gründlichen psychodiagnostischen Untersuchung, die im Rahmen dieser Einrichtung durchgeführt wurde, wurden mit verschiedenen nichtverbalen, relativ umweltunabhängigen Testverfahren insgesamt durchschnittliche Ergebnisse erzielt. Die Arbeitshaltung wurde jedoch noch als verspielt bezeichnet. Es zeigten sich noch Konzentrationsstörungen und eine leichte Ermüdbarkeit. Da an dieser Sondereinrichtung zu diesem Zeitpunkt kein Schulplatz zur Verfügung stand, wurde empfohlen, das Kind zunächst für 1 Jahr in einer regulären Grundschule einzuschulen.
Die Einschulung in eine kleine Klasse einer Normalschule brachte in den ersten Wochen viele Schwierigkeiten der Eingewöhnung. Das Arbeitstempo war immer noch auffallend langsam. Die zerebrale Bewegungsstörung machte sich im gesamten Bewegungsablauf und besonders im Turnunterricht bemerkbar, von dem das Kind zeitweilig befreit wurde. Das Kind war besonders ängstlich, während der Schulzeit von den anderen Kindern gestoßen zu werden. Unsere Kontaktaufnahme mit der Klassenlehrerin und Erklärung der speziellen kindlichen Problematik erwies sich als hilfreich. Die Klassenlehrerin brachte dem Kind bald ein außergewöhnlich einfühlendes Verständnis entgegen, half bei Schwierigkeiten, ermutigte das Kind und hatte viel Geduld. In der Klassengemeinschaft wurde das Mädchen bald voll akzeptiert. Das Lesen, Schreiben und Rechtschreiben erlernte unsere kleine Patientin erstaunlich rasch. Die Beigefügte Schreibprobe, 4 Monate nach der Einschulung, zeigt keine Hinweise mehr für eine zentrale Koordinationsstörung (vgl. Abb. 10). Im Rechnen konnte das Mädchen den Anforderungen nur begrenzt folgen, jedoch auf ausreichendem Niveau. Das Lernen der ersten Symbole der Mengenlehre machte besondere Schwierigkeiten, viele Zusatzübungen unter Zuhilfenahme des Verbalisierens waren notwendig. Das Mädchen schaffte das erste Schuljahr in der Normalschule.
Abbildung 10 Monika im Alter von 7;6 Jahren nach 3 Jahren Frostig-Therapie:
Schriftprobe, 4 Monate nach der Einschulung in eine normale Grundschule: Die Schrift zeigt keine Hinweise mehr für eine zentrale Koordinationsstörung.
Die Lehrerin wollte das Kind aufgrund seiner guten Fortschritte in der Normalschule behalten. Die Eltern entschlossen sich dann allerdings zur Einschulung in eine spezielle Einrichtung zur Rehabilitation Körperbehinderter, damit man dem Kind gezielt und langfristig, auch im Hinblick auf die spätere Berufsfindung, weiterhelfen kann. Das Kind hat sich inzwischen in dieser Einrichtung in einer kleinen Klasse normal-intelligenter Kinder gut eingelebt, wurde gleich in die 2. Klasse übernommen und entspricht seitdem in seinen Leistungen den Anforderungen des Lehrplans für Grundschulbildung. Sein Verhalten hat sich erfreulich stabilisiert.
Die Frostig-Therapie endete mit der Einschulung des Kindes, die Elternberatung und Kontaktgespräche mit der Lehrerin wurden noch über mehrere Monate fortgesetzt. Nach unserer Überzeugung zeigen die hier skizzierten Fortschritte, dass sich in Zusammenarbeit mit den Eltern der frühe und gezielte Einsatz der Frostig-Therapie für das weitere Leben dieses Kindes voll bewährt hat.
Monika hat mit 18 Jahren ihren Hauptschulabschluss erreicht. Sie konnte anschliessend ihre Berufsausbildung zur Bürofachhelferin absolvieren und ist seit Beginn ihrer Berufstätigkeit ohne Unterbrechung in diesem Beruf beschäftigt.
Nachtrag
zum Fallbeispiel Monika
Die Anwendung der Frostig-Therapie aus heutiger Sicht.
07. Dezember 2003
© Dr. Christa Seidel, Starnberg
Bitte
beachten Sie die Copyright-Bestimmungen im Impressum
Nach Frühgeburt und Atemnotsyndrom wurde bei Monika im 2. Lebensjahr eine
zerebrale Bewegungsstörung mit geringer athetotischer Komponente diagnostiziert
und physio-therapeutisch in den folgenden Jahren behandelt. Ausgeprägte
Begleitstörungen im Sinne einer psychomotorischen Verlangsamung, Perzeptionsstörungen,
sensorischen und expressiven Sprachstörungen, Verhaltensstörungen und
Störung der Intelligenzentwicklung erforderten einen mehrdimensionalen
Therapieansatz. So wurde in Kombination mit der physiotherapeutischen
Behandlung ab dem Lebensalter von 4;1 Jahren zur Vorbereitung der Einschulung
der interdisziplinär und ganzheitlich ausgerichtete Behandlungsansatz
nach dem Frostig-Konzept
mit besonderem Schwerpunkt der Förderung der Bewegung, der taktil-kinästhetischen,
visuellen, auditiven Wahrnehmung und des Malens, Zeichnens und Gestaltens
eingesetzt. Die Zusammenarbeit mit den Eltern, den Erzieherinnen des Kindergartens,
der behandelnden Physiotherapeutin und der Lehrerin der ersten Grundschulklasse
gehörte als wichtiger Bestandteil zum Behandlungskonzept. Bei den Bewegungs-,
Sprach-, Wahrnehmungs- kognitiven Funktionsstörungen, Lernfähigkeits-
und Verhaltensstörungen des Mädchens zeigten sich im Verlauf dieser Langzeittherapie
deutliche Verbesserungen und Möglichkeiten zur Rehabilitation. Ihre kognitiven
Basisfähigkeiten konnten sich im Therapieverlauf weitgehend altersentsprechend
entfalten. Was sich zu Therapiebeginn als eine leichte infantile Zerebralparese
in Verbindung mit einer allgemeinen Entwicklungsstörung und Intelligenzminderung
darstellte, differenzierte sich im Verlauf der Therapiezeit im Lebensalter
von 4; 1- 7; 6 unter dem beschriebenen mehrdimensionalen Therapieansatz
als eine neurologisch definierte motorische Störung im Rahmen der Diagnose
der leichten infantilen Zerebralparese mit altersentsprechender Sprach-
und Intelligenzentwicklung und mit Begleitstörungen, wie sie in diesem
Fallbeispiel beschrieben wurden. Besonders erfreulich waren in Zusammenhang
mit der Verbesserung der vielfältigen Begleitstörungen die zunehmend gute
Lernmotivation und emotionale Stabilisierung des Mädchens während des
Therapieverlaufs, so dass die Einschulung in die Grundschule erfolgreich
im Lebensalter von 7;2 Jahren durchgeführt werden konnte..
Monika ist inzwischen erwachsen und konnte nach ihrem Hauptschulabschluss
in das Berufsleben als Bürofachhelferin integriert werden. Sie ist seitdem
bis heute ohne Unterbrechung in ihrem Beruf beschäftigt (Teilzeit) und
sozial integriert. Sie hat es gelernt, verbleibende Reststörungen zu kompensieren,
zu akzeptieren und in ihr Leben einzuordnen. Es ergibt sich die Hypothese,
dass sich der interdisziplinäre und ganzheitlich orientierte Behandlungsansatz
der Frostig-Therapie mit den beschriebenen Schwerpunkten zur Vorbereitung
der Einschulung positiv auf die Möglichkeiten zum Erreichen der Schulreife
für die Grundschule und damit für die Rehabilitation und Sozialisierung
dieses Kindes ausgewirkt hat. Um diese Hypothese zu verifizieren, könnten
größere und unter statistisch relevanten Bedingungen angelegte Langzeit-Fallstudien
mit vergleichbaren Ausgangsbedingungen der betroffenen Kinder und vergleichbaren
Inhalten der interdisziplinär angewendeten Therapiekonzepte gefordert
werden. Solche Studien lagen zur Zeit der Beschreibung dieses Fallbeispiels
nicht vor, und es stehen uns leider auch heute noch keine Ergebnisse solcher
Langzeit-Fallstudien zur Verfügung. Die therapeutische Strategie für die
betroffenen Kinder kann aber nicht die Ergebnisse solcher Studien abwarten,
so wünschenswert und wertvoll sie auch sein mögen. Umgekehrt ist nach
meiner Überzeugung die Anwendung des hier vorgestellten ganzheitlichen
und interdisziplinären Therapieansatzes dennoch gerechtfertigt, soweit
er von allen Beteiligten fachkompetent praktiziert wird. Dieses setzt
allerdings die Einbeziehung empirischer klinischer Erfahrungswerte und
neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse in diesem Bereich und die Beachtung
der individuellen Bedürfnisse der betroffenen Kinder und ihrer Eltern
voraus. Als ebenso wichtige Vorraussetzung des hier beschriebenen Therapieansatzes
wird die empathische Zuwendung zum Kind von Seiten der Therapeutinnen
/ Therapeuten gesehen als auch ihr Bemühen um die Gestaltung einer warmen
und menschlich zugewandten Therapiesituation. Nach dem beschriebenen Therapieansatz
werden nicht nur die Defizite des Kindes berücksichtigt und behandelt,
sondern vorrangig werden immer seine Potentiale und kreativen Ausdrucksmöglichkeiten
beachtet, gefördert und für die Therapie nutzbar gemacht.
Seit der Beschreibung des Fallbeispiels Monika haben neue psychodiagnostische
Testentwicklungen die Möglichkeiten der Differentialdiagnostik wesentlich
erweitert. Es stehen heute mehr und besser standardisierte Intelligenz-,
Lernfähigkeits- und Leistungstests zur Verfügung mit deren Hilfe die taktil-kinästhetische,
auditive und visuelle Wahrnehmung einschließlich der Kurz- und Langzeitgedächtnisfunktionen
in diesen Bereichen und die Konzentration und Aufmerksamkeit zuverlässiger
überprüft werden können. Der Frostigs Entwicklungstest der visuellen Wahrnehmung
FEW gehört nach der deutschen Restandardisierung durch O. Lockowandt und
der statistischen Bearbeitung durch W. Dacheneder (T-Werte) jetzt in der
9. ergänzten Auflage (2000) zu den in Deutschland am häufigsten verwendeten
psychodiagnostischen Testverfahren. Inzwischen gibt es eine in USA entwickelte
Revision des FEW, den DTVP 2. (Developmental Test of Visual Perception)
Die deutsche Normierung dieses Tests ist in Vorbereitung. Auch im Hinblick
von Therapiematerialien wurden neue Verfahren für Übungen nach dem Frostig-Konzept
entwickelt, die als wichtige Voraussetzung zur Arbeit im drei-dimensionalen
Bereich für wahrnehmungsgestörte Kinder eingesetzt werden. So wurde der
Pertra-Bausatz (Perzeptionstraining) auf der Grundlage des Frostig-Konzepts
konstruiert und von E.
Hoerz
weiterentwickelt. Dieser Bausatz wird nach internationaler Auszeichnung
für sinnvolles Therapiematerial besonders effektiv in Zusammenhang mit
anderen Therapieangeboten zur Behandlung von Störungen in den Bereichen
von Motorik und Graphomotorik, taktil-kinästhetischer und visueller Wahrnehmung,
Kognition, Lernfähigkeit, Sprache und Kreativität angewendet. (I. Brand:
Kreatives Spielen. verlag modernes lernen, Dortmund, 1998) Auch bei altersentsprechend
entwickelten Kindern wird dieser Bausatz z.b. in Kindergärten und Integrationskindergärten
zur gezielten Förderung der Entwicklung der oben genannten Bereiche eingesetzt.
Das international ausgezeichnete Programm „Mathefix
Spectral“ von Ursula Kuhn
wurde auf der Grundlage des Frostig-Konzepts entwickelt und bietet mit
seinem Einsatz von Arbeitsmaterialien in Spektralfarben wahrnehmungsgestörten
Kindern wichtige taktil-kinästhetische und visuelle Strukturhilfen zum
Erlernen der Kulturtechnik im Fach Mathematik. Dieses Programm wird zur
Anwendung in Pädagogik, Sonderpädagogik und Therapie empfohlen und ist
in Bayern für Grund- und Förderschulen vom Kultusministerium zugelassen.
Es gibt inzwischen auch heilpädagogisch orientierte Computerprogramme,
die in die Therapie von Wahrnehmungsstörungen integriert werden können.
Das Weiterbildungsprogramm der 1986 gegründeten Internationalen Frostig-Gesellschaft
e.V., Würzburg, hat es sich zur Aufgabe gestellt, die Grundlagen des Frostig-Konzepts
als ein ganzheitlich orientiertes und interdisziplinäres Angebot zu vermitteln,
entsprechend neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse methodisch zu erweitern
und mit der Vergabe des Marianne Frostig-Zertifikats nach 2 ½- 3 jähriger
Weiterbildung zur Qualitätssicherung dieses wichtigen Ansatzes in den
Bereichen von Pädagogik und Therapie beizutragen.
Buch Christa Seidel
Diese
Neuerscheinung von Diplom-Psychologin Dr. phil. Christa Seidel (2007):
"Leitlinien zur Interpretation der Kinderzeichnung. Praxisbezogene
Anwendung in Diagnostik, Beratung, Förderung und Therapie".
A-Lienz in Ostt.: Journal Verlag,
ISBN 978-3-902128-30-0
demonstriert anhand umfangreichen Bildmaterials Unterschiede zwischen
altersgemäßer Entwicklung, eingeschränkter Entwicklung
und Hochbegabung. Das Buch lässt, vergleichbar der Darstellung der
Fallbeispiele Michael und
Monika, an erfolgreichen Langzeit-Therapien entwicklungsgestörter
und verhaltensgestörter Kinder teilnehmen (34 Fallbeispiele), deren
Einzelschicksale teils von inzwischen erwachsenen Betroffenen selbst oder
aus Sicht ihrer Eltern und Therapeuten im Rückblick noch einmal beleuchtet
werden. Auch Fragen zum Umgang mit einer verbleibenden Restsymptomatik
werden hier gezielt angesprochen. Das Buch enthält praktische Anleitungen
zur individuellen Diagnostik (Strukturierter Beobachtungsbogen), Beratung,
Förderung und Therapie (insbesondere nach dem Frostig-Konzept)
und soll allen Berufsgruppen, die mit Kindern arbeiten, und auch allen
Eltern, die ihre Kinder besser verstehen wollen, ein hilfreicher Wegweiser
sein. Praxisorientierte Fragen und Antworten zum Einsatz der Kinderzeichnung
werden in Kapitel 8 dieses Buches ausführlich dargestellt. Für
Eltern altersgemäß entwickelter und hochbegabter Kinder, aber
auch von Kindern mit Verhaltens- und Entwicklungsstörungen, Intelligenzminderung
und Sonderformen der Begabung bietet dieses Buch nicht nur vielfältige
Anregungen und Informationen sondern auch Ermutigung und Hilfestellung.
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