Frostig-Konzept

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Die neue Website über die Interpretation
von Kinderzeichnungen

 

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Das Marianne-Frostig-Konzept

© Christa Seidel (2007):
Leitlinien zur Interpretation der Kinderzeichnung
Praxisbezogene Anwendung in Diagnostik, Beratung, Förderung und Therapie
ISBN-Nr.: 978-3-902128-30-0, A-9900 Lienz i. Ostt.: Journal Verlag. Auszug aus Kapitel 7, Seite 582-588

Neuerscheinung, zu beziehen ab der 42. Woche 2007 über www.christa-seidel.de über den Buchhandel sowie über www.buchhandel.de und www.amazon.de

Diese Neuerscheinung von Diplom-Psychologin Dr. phil. Christa Seidel ist urheberrechtlich geschützt. Bitte beachten Sie die Copyright-Bestimmungen im Impressum.

Leseprobe

7 Der Einsatz der Kinderzeichnung im Rahmen des Frostig-Konzepts


Im Folgenden wird der Einsatz der Kinderzeichnung in der Diagnostik und Behandlung
von Entwicklungsstörungen und Verhaltensstörungen am Beispiel des Frostig-Konzepts beschrieben, das hier in seiner erweiterten Form und mit neu definierten Schwerpunkten zusammenfassend dargestellt wird. Die anschließenden Überlegungen
und Empfehlungen zur Therapie und die einzelnen Fallbeispiele mit Kinderzeichnungen
sollen Inhalt und Methode dieses erweiterten Konzepts praxisorientiert verdeutlichen.

7.1 Das Frostig-Konzept (Kurzfassung)


Einführung:

Marianne Frostig gilt als Pionierin auf dem Gebiet der Diagnostik, Pädagogik und Therapie von Kindern mit Lernstörungen (Teilleistungsstörungen). Selber vielseitig als Pädagogin, Psychologin, Sozialarbeiterin und Rhythmiklehrerin ausgebildet, gründete sie 1951 in Los Angeles, Kalifornien, das Marianne Frostig Center of Educational Therapy und entwickelte dort, und später in Pasadena, Test- und Therapieprogramme zu den Bereichen „Bewegung“ und „visuelle Wahrnehmung“.

Test- und Therapieprogramme:

Frostigs Test- und Therapieprogramme und ihr Konzept fanden große internationale Beachtung und Anerkennung. Sie werden heute noch in vielen Ländern angewendet. So gehört der Frostigs Entwicklungstest der visuellen Wahrnehmung (FEW) nach der deutschen Restandardisierung durch O. Lockowandt, 1974, und der statistischen Bearbeitung von W. Dacheneder (T-Werte) jetzt in der 9. Auflage (2000) zu den in Deutschland am häufigsten verwendeten psychodiagnostischen Testverfahren.
Inzwischen gibt es eine in den USA entwickelte Revision des FEW, den DTVP-2 (Developmental Test of Visual Perception, Hammill, D. D., Pearson, N. A., Voress, J. K., 1993). Eine deutsche Normierung ist in Vorbereitung und wird in Kürze unter dem Namen: FEW-2 erscheinen. (Anmerkung: Inzwischen wurde die deutsche Normierung des FEW-2 publiziert: Büttner, G., Dacheneder, W., Schneider, W. und Weyer, K. (2008): Frostigs Entwicklungstest der visuellen Wahrnehmung -2. Göttingen: Hogrefe). Das Frostig-Konzept wurde jedoch gelegentlich, aufgrund methodischer Verengung und einseitiger Betonung der Bedeutung der visuellen Wahrnehmung, auch missverstanden und entsprechend kritisiert.

Einrichtungen, die nach dem Marianne Frostig-Konzept arbeiten:

Heute zählt das „Frostig Center“ in Pasadena zu den international führenden Einrichtungen für Diagnostik, Pädagogik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten, z. B. Lese-Rechtschreibstörung, Rechenschwäche, motorische Funktionen (vgl. Kap. 10.2).

Auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern (z. B. in Schweden, Österreich, Rumänien, Ungarn) kommt das Frostig-Konzept mit Erfolg in heilpäda-gogischen, (sonder)pädagogischen, kinderpsychiatrischen, klinisch-psychologischen und anderen therapeutischen Einrichtungen zum Einsatz. Lernbehinderte oder geistig behinderte Kinder und Jugendliche mit Entwicklungsstörungen werden in Deutschland ebenso nach seiner erweiterten Form gefördert oder therapiert wie durchschnittlich oder überdurchschnittlich begabte Kinder und Jugendliche mit Teilleistungsstörungen (Seidel, Ch., 1981, 1987). In zunehmendem Maße wird das Frostig-Konzept im Sinne einer primären Prävention von Lernstörungen in Kindergärten, Vorschulen und Grundschulen eingesetzt.

Inzwischen wurden der erste Marianne Frostig-Kindergarten in Detmold und die ersten beiden Marianne Frostig-Schulen in Offenbach a. M. (private Einrichtung mit Grund-, Hauptschul- und Realschulklassen) und in Dorndorf, Thüringen, (Staatliches Förderzentrum), gegründet. Kindergarten und Schulen arbeiten nach dem Frostig-Konzept.

Inhalte und Methoden:

Das Frostig-Konzept ist auf der Grundlage der Humanistischen Psychologie entstanden
und entspricht einem ganzheitlichen Ansatz zur Förderung der kindlichen Entwicklung und zur Therapie von Lernstörungen und Teilleistungsstörungen. Es ist durch viele Einflüsse aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und Schulen geprägt und integriert, aktuellen Forschungsergebnissen entsprechend, pädagogische,
psychologische, neuropsychologische und therapeutische Theorien und Methoden zu einem eigenständigen Konzept. Motorik (Bewegung), Sprache, alle Wahrnehmungsfunktionen, die höheren kognitiven Funktionen, die emotionale, soziale und kreative Entwicklung werden bei Anwendung dieses Konzepts in ihrer wichtigen Bedeutung für die Gesamtentwicklung des Kindes stets in ihrem Entwicklungszusammenhang beachtet, untersucht und unter ganzheitlichen und integrativen Bedingungen gefördert oder bei vorliegenden Störungen behandelt. Dieser integrative Ansatz des Konzepts fordert die Zusammenarbeit
mit den Eltern und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen in besonderer Weise heraus.

Schwerpunkte des Frostig-Konzepts:
Dem humanistisch orientierten Ansatz von Maria Montessori vergleichbar, forderte auch Marianne Frostig, das Kind in seiner Persönlichkeit anzunehmen, sein Selbstbewusstsein
zu stärken, seine Würde zu achten, auf seine individuellen Bedürfnisse und seine emotional-soziale Situation einzugehen. Eigeninitiative, soziale Kompetenz und die Freude am Leben und Lernen in der Gemeinschaft sollen geweckt und entfaltet werden. Die Arbeit nach diesem Konzept will dazu beitragen, dass altersentsprechend entwickelte Kinder und Jugendliche, aber auch Kinder und Jugendliche mit Entwicklungs- und Lernproblemen, sich zu verantwortungs- und umweltbewussten, produktiven und erfolgreichen Mitgliedern unserer Gesellschaft entwickeln können – immer orientiert am Wertesystem der Humanistischen Psychologie.Über das Anliegen von Maria Montessori und Marianne Frostig hinausgehend, bezieht die von mir hier beschriebene und praktizierte erweiterte Form des Frostig-Konzepts die kreativen Potenziale des Kindes gezielter ein und arbeitet verstärkt ressourcenorientiert
(Seidel, Ch., in: Frostig, M. und Müller, H., 1981, S. 58-94; Seidel, 1987). Um das Vertrauen in die eigene Kompetenz des Kindes/Jugendlichen und sein Sinnempfinden („Kohärenzgefühl“, Aaron Antonovsky) zu stärken, werden nach meinem Ansatz Spiel, eigenschöpferisches Gestalten, Malen und Zeichnen, Rollenspiele, Singen und Musizieren als wichtige Bausteine in die Förderung und Therapie integriert. Dem Einsatz der Kinderzeichnung kommt nicht nur als Screening-Verfahren im psychodiagnostischen Prozess eine wichtige Bedeutung zu. Im Zusammenhang mit der Durchführung von standardisierten psychodiagnostischen Testverfahren kann die Analyse von Kinderzeichnungen auch wesentlich zur Abklärung von kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie von Defiziten in der emotional-sozialen, sprachlichen, perzeptiven und kreativen Entwicklung beitragen (vgl. Fallbeispiel Anna, Kap. 5.3-5.3.6; Kap. 6). Die Interpretation der Kinderzeichnung wird hier erstmalig unter Verwendung praxisorientierter neuer Leitlinien beschrieben (vgl. Kap. 5.2-5.2.3; Strukturierter
Beobachtungsbogen vgl. Kap. 9.4).Aus Hinweisen, die aus der Querschnitt- und Langzeit-Beobachtung der Zeichenentwicklung gewonnen werden, lassen sich Informationen zur emotional-sozialen Entwicklung des Kindes gewinnen und Stillstände, Rückfälle oder Sprünge der Entwicklung ermitteln. Es ergibt sich damit auch die Möglichkeit, Verhaltensstörungen und emotional-soziale Probleme des Kindes (z. B. Leistungsängste und Lernblockaden) in persönlichkeitsspezifische und familiendynamische Zusammenhänge einzuordnen und diese Erkenntnisse in den therapeutischen Prozess einzubringen. Allerdings sind hierzu
gründliche Kenntnisse zur Interpretation der Kinderzeichnung sowie psychotherapeutische
Fachkompetenz erforderlich.

Im Zusammenhang mit der Förderung von Bewegung und Sprache werden das dreidimensionale Gestalten mit verschiedenen Materialien sowie Malen und Zeichnen
als wichtige Grundpfeiler der integrativen Wahrnehmungsförderung selbst gesehen und auch zur Förderung von höheren kognitiven Funktionen (z. B. Konzentration, Ausdauer, Gedächtnis, Handlungsplanung) bei entwicklungsgestörten Kindern gezielt eingesetzt.Der Beratung und Unterstützung von Eltern wird in der Förderung und Therapie lerngestörter und teilleistungsgestörter Kinder/Jugendlicher eine bevorzugte Stellung eingeräumt.
Das Frostig-Konzept in seiner erweiterten und hier beschriebenen Form kann in den Bereichen von Diagnostik, Beratung, Förderung, Therapie und Prävention eingesetzt werden und enthält nunmehr folgende Schwerpunkte:

Psychodiagnostik/Förderdiagnostik:

  • eine alle Maßnahmen des Konzepts umgreifende Erziehungsphilosophie im Sinne der Humanistischen Psychologie

  • Beachtung von Vorgeschichte, medizinischen, psychologischen, (sonder)pädagogischen Vorbefunden und der aktuellen Lebens- und Familiensituation des betroffenen Kindes

  • Explorationsgespräche mit dem Kind/Jugendlichen, mit den Eltern und Bezugspersonen

  • Einsatz von Screening-Verfahren (Verhaltensbeobachtung in Alltagssituationen, beim freien Spiel und im Umgang mit didaktischen Materialien; Beobachtung kreativer Ausdrucksmöglichkeiten in der Bewegung, beim Gestalten mit verschiedenen Materialien, beim Malen und Zeichnen, beim Rollenspiel, im sprachlichen Ausdruck, beim Singen und Musizieren); formale Strukturanalyse und inhaltliche Analyse von Kinderzeichnungen (Querschnitt- und Langzeit-Beobachtung); Ermittlung von Entwicklungsmerkmalen und von Emotionalen Zeichen in den Zeichnungen mit Hinweisen auf entwicklungspsychologische Zusammenhänge sowie auf aktuelle Erlebnisinhalte und Konflikte des Kindes/Jugendlichen; Analyse der zu den Zeichnungen gegebenen Kommentare und Explorationen

  • Einsatz gezielter, mehrdimensionaler und hypothesengeleiteter Prozessdiagnostik mit wissenschaftlich anerkannten standardisierten Intelligenztests, Persönlichkeitstests,
    Leistungstests, Wahrnehmungstests und Tests zur Überprüfung der Händigkeit, Fein- und Graphomotorik, Körpermotorik; Ermittlung von Interessen, Fähigkeiten, Begabungen/Sonderbegabungen und Entwicklungsdefiziten als Grundlage für die Ausarbeitung von Förder- und Therapieplänen

Methodologische Rahmenprinzipien bei der Förderung oder Therapie:
- Individualisierung des Ansatzes: Ausgehend von den Stärken und emotionalen, sozialen, kognitiven und kreativen Potenzialen des Kindes sollen vorhandene Schwächen mit Hilfe von Übungsprogrammen ausgeglichen werden

- Motivation: Die Bedürfnisse, Interessen, Begabungen oder Schwächen des Kindes/
Jugendlichen sind besonders zu beachten

- Systematisierung des Übungsansatzes:
Übungen, die dem Entwicklungsstand des Kindes angepasst sind, werden in systematisch aufeinander aufbauenden kleinen Lernschritten durchgeführt

- Flexibilität der Methodenwahl: Auswahl und Einsatz von vielfältigen, spezifisch gestalteten Methoden entsprechend der Motivation und den Bedürfnissen, Interessen,
Begabungen oder Schwächen des Kindes

- individualisierte Gestaltung von Förder- und Therapiesituationen: Das Kind/der Jugendliche soll sich geborgen und wohl fühlen und Freiraum für spielerische und kreative Aktivitäten erhalten; es/er soll geistig angeregt, jedoch nicht durch Förder-/ Therapieangebote überstimuliert werden; Vorbereitung, Zielbestimmung, Selbstkontrolle, Temporegulierung (dem Kind Zeit geben), Vernetzung der Lerninhalte, Strukturierung der Lernsituation sind erforderlich

- Förderung der kreativen Ausdrucksmöglichkeiten in der Bewegung, beim Gestalten mit verschiedenen Materialien, beim plastischen Gestalten, Malen und Zeichnen, beim Rollenspiel, beim sprachlichen Ausdruck, beim Singen und Musizieren (z. B. unter Verwendung des Orff-Instrumentariums) oder bei kreativen multimedialen
computergestützten Arbeiten; auch Eltern und Bezugspersonen, Erzieher, Lehrer, Therapeuten, die mit den Kindern/Jugendlichen arbeiten, sollen auf die wichtige Bedeutung der kreativen Ausdruckmöglichkeiten hingewiesen werden und Anregungen für eigenes schöpferisches Arbeiten mit dem Kind erhalten

- Beachtung der Person und Rolle des Erziehers/Lehrers/Therapeuten: Bemühen um eine warme und persönliche Beziehung zwischen Erzieher/Lehrer/Therapeut und Kind oder Jugendlichem

- Zusammenarbeit mit den Eltern und Bezugspersonen: Die Eltern werden in den therapeutischen Prozess mit einbezogen und um aktive Mithilfe gebeten; sie erhalten kontinuierliche Rückmeldungen über die erzielten Fortschritte, Entwicklungsprobleme
oder Verhaltensprobleme ihres Kindes, sofern dies aus therapeutischer Sicht mit der Schweigepflicht dem Kind/Jugendlichen gegenüber zu verantworten und sinnvoll ist; Beratung und Unterstützung bei Erziehungsproblemen und bei Fragen zur koordinierten gezielten Entwicklungsförderung im häuslichen Umfeld, in der Schule und in der Therapie werden angeboten

- eine interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Berufsgruppen, die mit dem Kind arbeiten,
wird angestrebt

Anwendung besonderer Methoden: Jedem Kind seine Chance!
Im Hinblick auf die Anwendung besonderer Methoden ist es vorrangig wichtig, jedes
Kind individuell dort anzusprechen, wo es ansprechbar ist, über Potenziale und Ressourcen verfügt und interne und externe Stützsysteme mobilisieren kann. Die basalen Fertigkeiten (Bewegung, Sprache, perzeptive, höhere kognitive, emotionale, soziale und kreative Funktionen) sollen in ihrem Entwicklungszusammenhang rechtzeitig, d.h. mit Unterstützung von Eltern und Bezugspersonen, schon im frühen Kindesalter gefördert und diese Förderung soll in Kindergarten und Vorschule fortgesetzt werden. Eine „geordnete Interdependenz aller psychischen Funktionen auf einem optimalen Aktualisierungsniveau“ (O. Lockowandt, 1994) gilt als wichtige Voraussetzung für die Integration dieser basalen psychischen Funktionen und ihre Einordnung in die Gesamtheit zielgerichteten Verhaltens. Diese Prozesse setzen sich ins Schulalter fort. Alles Lernen – so auch das Erlernen der Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechtschreiben und Rechnen, einschließlich Gedächtnis, Konzentration, Aufmerksamkeit, Ausdauer – ist von einer sich altersentsprechend entwickelnden neuronalen Vernetzung und Integration psychischer Funktionen abhängig. Vorliegende aktuelle Forschungsergebnisse gehen heute von der Hypothese aus, dass den emotional- sozialen Faktoren bei der Analyse von Lern- und Verhaltensstörungen sowie bei der nachzuweisenden Effektivität von Förder- und Therapieprogrammen eine bevorzugte Stellung zukommt. Aus dieser Betrachtung heraus ergeben sich auch zeitgemäße Ansätze für aktuelle bildungspolitische Fragen. Jedem Kind seine Chance! Diese Forderung kann nur erfüllt werden, wenn man bereits in der frühen Kindheit mit der Förderung der basalen Funktionen unter ganzheitlich orientierten und die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes besonders beachtenden Bedingungen beginnt. Auch bei der weiteren Entwicklung des Schulkindes, vor allem in den ersten Grundschulklassen,
müssen diese Förderaspekte im Auge behalten werden. Kindern mit bereits auffällig gewordenen Lernstörungen bietet das Frostig-Konzept die Möglichkeit, sich in kleinen, systematisch aufgebauten Lernschritten neuen Herausforderungen mit Ausdauer und Umsicht zu stellen. Störungen oder Behinderungen beim Erlernen der Kulturtechniken des Lesens, Schreibens, Rechtschreibens und Rechnens sowie Störungen der Aufmerksamkeit, Konzentration, Ausdauer, der Gedächtnisfunktionen und des Verhaltens werden in der Frostig-Pädagogik oder Frostig-Therapie unter dem Einsatz gezielter und ressourcenorientierter entwicklungstherapeutischer Hilfestellungen
angesprochen.

In Langzeit-Studien des Frostig Centers, Pasadena, USA, konnten sechs Protektive Faktoren (unterstützende Faktoren) ermittelt werden, die sich bei ehemaligen Schülern
und Schülerinnen mit Teilleistungsstörungen (umschriebenen Entwicklungsstörungen
schulischer Fertigkeiten, z. B. Lese-Rechtschreibstörung, Rechenstörung, motorische Funktionen) für eine positive Lebensbewältigung als effektiv erwiesen (Spekman, N. J., Goldberg, R. J., Herman, K. L., 1992). Raskind, M. H., Goldberg, R. J. et al., 1999 und 2002; Goldberg, R. J., Higgins, E. L. et al., 2003a und b sowie Higgins, E. L., Goldberg, R. J. et al., 2005, beschreiben diese Faktoren wie folgt:

  • Selbstwahrnehmung“ („Self-Awareness“) (z. B. „die Teilleistungsstörung annehmen; eigene Stärken und Schwächen einordnen können; Strategien benutzen, um die Lernstörung zu kompensieren“)
  • „Eigeninitiative“ („Proactivity“) (z. B. „Entscheidungen treffen und diese durchführen können“)
  • „Ausdauer“ („Perseverance“) (z. B. „bereit sein, schulische und nicht schulische Aufgaben trotz bestehender Schwierigkeiten zu erledigen“)
  • „Zielsetzung“ („Goal-Setting“) (z. B. „erkennen, ob ein Ziel erreichbar ist; Pläne/Stufen entwickeln, um Ziele in kleinen Schritten zu erreichen“)
  • „Vorhandensein und aktiver Gebrauch von Stützsystemen“ („Presence and Use of Support Systems”) (z. B. „unterstützende Hilfsangebote suchen und annehmen“)
  • „Emotionale Bewältigungsstrategien“ („Emotional Coping Strategies“)(z. B. „erkennen, welche Situationen Stress, Frustration und emotionale Belastung auslösen; Strategien lernen, um Stresssituationen zu vermeiden bzw. mit ihnen adäquat umzugehen“)

Orientiert an den Untersuchungsergebnissen des Frostig Centers werden diese Faktoren
auch in dem hier vorgestellten erweiterten Ansatz des Frostig-Konzepts berücksichtigt.
In zwei Broschüren stellt das Frostig Center für Eltern und Lehrer Beobachtungskriterien
des Verhaltens lerngestörter Kinder zusammen, mit deren Hilfe frühzeitig
Fehlentwicklungen in den oben genannten Bereichen erkannt werden können.

Gleichzeitig gibt das Center Eltern und Lehrern damit Anregungen zur Stimulation der Entwicklung der genannten Protektiven Faktoren im häuslichen Umfeld und in der Schule. (Raskind, M. H., Goldberg, R. J., Higgins, E. L. and Herman, K. L., 2003: Life success for learning disabilities: A parent guide. Pasadena, CA: Frostig Center; Higgins, E. L., Goldberg, R. J., Raskind, M. H., 2005: Life success for students with learning disabilities, teacher guide, Pasadena, CA: Frostig Center; www.frostig.org).

Weitere Informationen zur praxisbezogenen Anwendung der Frostig-Therapie bei Entwicklungsstörungen mit der Interpretation von Kinderzeichnungen in Langzeit-Therapieverläufen siehe Buch Christa Seidel und Fallbeispiele.


© Copyright: Dr. Christa Seidel, Dipl.- Psychologin, Klinische Psychologin BDP, Bahnhofstrasse 6 , 82319 Starnberg.

Informationen zur Internationalen Frostig-Gesellschaft e.V.,
Bernerstr. 10, 97084 Würzburg,
Tel.: 0931/6675350, Fax: 0931/661355
und zu dem Weiterbildungsprogramm der Gesellschaft (Marianne-Frostig-Zertifikat)
sind zu finden unter:
www.frostig-gesellschaft.de/ZERT_DE.htm

Weitere Informationen zur Frostig-Therapie: siehe unter Fallbeispiele


www.mittendrin-magazin.de/archiv/0502/frostig.html
Darstellung des Frostig-Konzepts in der Zeitschrift "Leben mit Down-Syndrom", Ausgabe Mai 2002, herausgegeben von der Selbsthilfegruppe für Menschen mit Down-Syndrom und ihre Freunde e.V. Erlangen und den Nachdruck dieses Artikels in leicht abgeänderter Form im Mittendrin-Magazin Zeitschrift des Bundesverbandes behinderter Pflegekinder, Bundesverband behinderter Pflegekinder e.V. 2005. Die Artikel beziehen sich als Quelle auf die Veröffentlichung von Christa Seidel: Das Marianne Frostig-Konzept. In: Internationale Frostig-Gesellschaft e.V. (Hrsg.) . "Die Anwendung des Marianne-Frostig-Konzepts in Pädagogik und Therapie. Jahrestagung 1987, Borgmann - und auf Marianne Frostig: "Visuelle Wahrnehmungsförderung", Schroedel-Schulbuchverlag. In einem Leserbrief nimmt Christa Seidel kritisch zur Darstellung der Anwendung von Frostig-Arbeitsbogen als isoliertes Training zu Hause mit den Eltern in den oben zitierten Artikeln Stellung.

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